Es gibt Menschen, deren Leben weit über ihre Zeit hinausstrahlt. Nicht, weil sie laut waren oder im Mittelpunkt stehen wollten. Sondern weil sie den Mut hatten, auf die leise Stimme Gottes in ihrem Inneren zu hören. Die heilige Hildegard von Bingen, die Patronin unserer Pfarrei, gehört zu diesen Menschen. Ihr gedenken wir wieder besonders in der Hildegardwoche, die auf unterschiedliche Weise in allen Gemeinden unserer Pfarrei gefeiert wird.
Mehr als 850 Jahre trennen uns von ihr – und doch begegnen uns ihre Fragen heute mit erstaunlicher Aktualität: Wie kann ich in einer lauten Welt meine innere Stimme wiederfinden? Wie gelingt es, mit Hoffnung statt mit Angst in die Zukunft zu schauen? Wie kann Glaube Kraftquelle sein und nicht bloß Tradition? Wie leben wir achtsam mit der Schöpfung, mit unseren Mitmenschen und mit uns selbst?
Hildegard war eine Frau, die Gott zutraute, auch dort Neues zu wirken, wo andere nur Grenzen sahen. Sie wusste: Der Mensch lebt nicht allein von dem, was er besitzt oder leistet. Er lebt aus einer tieferen Quelle.
Diese Quelle nannte sie die viriditas – die Grünkraft Gottes.
Es ist das Bild einer Lebenskraft, die alles durchdringt und wachsen lässt. Eine Pflanze muss sich nicht anstrengen, grün zu werden. Sie lebt aus dem, was ihr geschenkt ist.
Vielleicht ist das auch eine Einladung an uns: Nicht immer mehr zu machen, sondern tiefer zu leben. Nicht nur zu funktionieren, sondern aus Gottes Gegenwart Kraft zu schöpfen. Gerade unsere Zeit kennt viele Erschöpfungen. Termine füllen die Kalender, Konflikte spalten Familien, Gesellschaft und Welt. Manchmal scheint der Glaube dabei an den Rand gedrängt zu werden. Hildegard würde uns vermutlich nicht zuerst zu mehr Aktivität raten. Sie würde fragen: Wovon nährst du deine Seele?
Als Pfarrgemeinde dürfen wir gemeinsam nach Antworten suchen. Nicht jeder muss denselben Weg gehen. Aber jeder kann einen für ihn oder sie passenden, ersten Schritt wagen. Vielleicht bedeutet das ganz konkret:
– sich am Sonntag bewusst Zeit für Gott zu nehmen und ihm neu Raum zu geben;
– bei einer Andacht, einem Gottesdienst, einem Bibelgespräch oder einem Glaubenskurs den eigenen Fragen nachzugehen;
– im Kirchenchor oder einer Musikgruppe die Freude am gemeinsamen Lob Gottes zu entdecken – denn Hildegard wusste um die heilende Kraft der Musik;
– in caritativen Angeboten oder sozialen Projekten Hoffnung und Mitmenschlichkeit weiterzugeben;
– die Schöpfung bewusster wahrzunehmen – bei einem Spaziergang, im eigenen Garten oder bei gemeinsamen Aktionen zum Schutz unserer Umwelt;
– einen Moment der Stille im Alltag zu suchen und Gott das Herz hinzuhalten, bevor der nächste Termin beginnt.
All das sind keine außergewöhnlichen Leistungen. Aber sie können zu Orten werden, an denen Gottes Grünkraft unser Leben berührt. Hildegard hatte keine Angst vor der Zukunft. Nicht weil sie glaubte, alles unter Kontrolle zu haben, sondern weil sie wusste, dass Gott schon da ist, wohin wir erst unterwegs sind. Dieser Glaube machte sie mutig. Er ließ sie Missstände benennen, Menschen ermutigen und neue Wege gehen.
Vielleicht ist genau das ihre Botschaft an unsere Pfarrei. Nicht stehen zu bleiben bei der Frage, was früher einmal war. Sondern gemeinsam zu fragen: Was möchte Gott heute unter uns wachsen lassen? Wo können wir als Gemeinde Hoffnung schenken? Wo können wir Menschen Heimat geben? Wo dürfen wir selbst neu aufbrechen?
Die heilige Hildegard lädt uns ein, den Glauben nicht als Last, sondern als lebendige Kraft zu entdecken. Als eine Kraft, die Menschen verbindet, Herzen heilt und Zukunft eröffnet. Möge sie unsere Fürsprecherin sein. Möge sie uns den Mut schenken, aufmerksam auf Gottes Stimme zu hören, dankbar seine Gaben zu entdecken und vertrauensvoll unseren Weg zu gehen. Dann wird auch heute etwas von jener Grünkraft sichtbar, von der Hildegard so überzeugt war: Gottes Leben, das mitten unter uns wachsen möchte.
Herzliche Grüße
Markus Müller
Gemeindereferent
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